Der Ursprung der Evangelischen Stiftung Neinstedter Anstalten geht zurück auf
die Gründung des Knabenrettungs- und Brüderhauses auf dem Lindenhof in Neinstedt
durch das Ehepaar Marie und Philipp Nathusius am 15.Oktober 1850.
Johanne Nathusius, Schwester von Philipp, gründete 1861 das Elisabethstift in
Neinstedt, eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Wesenszug des
Engagements von Johanne ist der Förderansatz in der Behindertenhilfe gegenüber
der damals noch üblichen "Bewahrstruktur". Die Stiftungen wurden als Werke
christlicher Nächstenliebe errichtet, um die Liebe Gottes zur Welt in Jesus Christus
zu bezeugen. Um 1900 gehörte die Elisabethstiftung zu den größten
Sozialwerken für geistig behinderte und anfallskranke Menschen in Deutschland. Beide
Stiftungen, die Elisabethstiftung und die Lindenhofstiftung, bilden heute die Evangelische
Stiftung Neinstedter Anstalten.
In der Zeit von 1938 - 1943 erfolgte die Zwangsverlegung von 744 Bewohnern der
Neinstedter Anstalten in staatliche Einrichtungen. Diese Einrichtungen gehörten zum
Einzugsgebiet der Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg, einer der sechs
"Euthanasie"-Anstalten im Deutschen Reich, in denen psychisch kranke, behinderte
und pflegedürftige Menschen ermordet wurden.
1942 übernahm die Deutsche Wehrmacht die meisten Anstaltsgebäude für die
Einrichtung eines Reservelazaretts.
1945 war ein schwieriger Neuanfang - viele Gebäude, die während des Krieges
von der Deutschen Wehrmacht als Reservelazarett genutzt worden waren, gingen direkt in weitere
Fremdnutzung durch die sowjetische Armee und durch verstaatlichte Betriebe über, die
Wohnungen für ihre Mitarbeiter benötigten. Trotz aller Probleme erfolgte die
Wiederaufnahme der Erziehungs- und Pflegearbeit und der Wiederbeginn der Diakonenausbildung.
Das Jahr 1953 erlebten die Neinstedter Anstalten als existenziell bedrohliche Krise. Staatliche
Behörden versuchten die Übernahme und beschlagnahmten Gebäude (2. Mai bis 15. Juni).
Sie wurden nach wenigen Wochen zurückerstattet, dafür forderten die staatlichen Behörden
aber die Beendigung der Erziehungsarbeit. Die Neinstedter Anstalten mussten die Erziehungsarbeit, die
seit der Gründung des Rettungshauses durch Marie und Philipp Nathusius einer der Hauptarbeitszweige
war, aufgeben. Die Pflege, Betreuung und heilpädagogische Förderung von Menschen mit einer
geistigen Behinderung wurden nun zum Hauptarbeitsfeld der Stiftung. Unter dem Schutz der Kirche konnten
die Neinstedter Anstalten sich später zur größten Einrichtung für Menschen mit
geistiger Behinderung in der DDR entwickeln.
1963 beginnen partnerschaftliche Kontakte zum Wittekindshof / Bad Oeynhausen und zu den Bruckberger
Heimen in Mittelfranken, die in den nachfolgenden Jahren viel praktische und materielle Hilfe bei der
Erweiterung heilpädagogischer Konzepte und dem Aufbau neuer Förderangebote und Wohneinrichtungen
leisteten. Seit Mitte der 60er Jahre wurden auch in Neinstedt neue Wege nach dem "Normalisierungsprinzip"
gesucht. In den Neinstedter Anstalten begann der Aufbau kleiner Wohn- und Fördergruppen und
die deutlichere Trennung der Wohn-, Arbeits- und Beschäftigungsbereiche für Menschen mit Behinderungen.
1967 erfolgt in Neinstedt der erste Lehrgang im "Seminar für Heilerziehungspflege", der
ersten heilpädagogischen Fachschule auf DDR-Gebiet.
Nach der Wiedervereinigung haben die Neinstedter Anstalten ihre Arbeit unter veränderten
wirtschaftlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen neu strukturiert. Heute ist die Stiftung ein
profilierter und kompetenter Anbieter sozialer Dienstleistungen in der Behinderten-, Kranken-,
Senioren-, Kinder- und Jugendhilfe; Träger einer Förderschule sowie der Ausbildungsstätten
Diakonenkolleg und Evangelische Fachschule für Heilerziehungspflege. Die Neinstedter Anstalten
finanzieren sich über Pflegesätze und Spenden. In ihren Hilfeangeboten bietet die Stiftung
heute über 1.000 Plätze an. Mit ihren rund 850 Mitarbeitern ist sie einer der größten
Arbeitgeber der Region. Die Neinstedter Anstalten sind Mitglied im Diakonischen Werk Evangelischer Kirchen
in Mitteldeutschland e.V..